Der Weg in die Werbeagentur – wie ich meinen Job gefunden habe
Erstmal ehrlich: Ich war ein faules Stück
2005 machte ich nach zwei Ehrenrunden meinen Abschluss an der Realschule in Donaueschingen. Hausaufgaben? Kann man auch fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn machen. Lernen? Boah, muss nicht sein. Naja, irgendwie habe ich es doch geschafft. Nach dem Abschluss kam die große Frage: was will ich eigentlich beruflich machen? Nochmal die Schulbank drücken und Abitur dranhängen – nein danke. Was Kreatives sollte es sein. Bildende Kunst war mein Lieblingsfach gewesen und meine Hefte waren vermutlich voller mit irgendwelchen gezeichneten Bildchen als mit dem, was dort eigentlich drinstehen sollte.
Die Suche nach dem richtigen Weg
Was konnte man kreativ machen, ohne Abitur? Ich hatte schon ein Praktikum als Fahrzeuglackiererin gemacht – nein, das war nichts für mich. Im Hochsommer in der Heißluftkabine Fahrzeugbeschriftungen abzuziehen machte mein Kreislauf damals schon nicht mit. Dann gab es das Praktikum als Innenausstatterin – auch nichts. Als dünner schwacher Zwerg Teppichrollen durch die Gegend zu schleppen war schlicht nicht meine Stärke. Friseurin? Den ganzen Tag freundlich zu Fremden sein – nein. Ich war (und bin noch immer) sehr ruhig und zurückhaltend. Fremde anzusprechen kostete mich damals enorm viel Überwindung.
Die Jobmesse, die alles veränderte
Irgendwann ging ich als hoffnungsloser Fall mit meinen Eltern auf eine Jobmesse. Da präsentierte sich eine private Grafikdesign-Schule. Der Schulleiter kam aus Norddeutschland und war mir natürlich direkt sympathisch. Zwei Haken gab es: Erstens war das ein Grafikdesign-Studium – brauchte man dazu Abitur? Musste ich wirklich nochmal die Schulbank drücken? Zweitens bedeutete Privatschule höhere Studiengebühren. Konnten wir uns das leisten?
Das Gute zuerst: Mit Realschulabschluss durfte man eine Aufnahmeprüfung ablegen, um zu zeigen, was man drauf hatte. Und der Studiengang war Bafög-gefördert. Also: Termin für die Aufnahmeprüfung ausgemacht.
Das Grafikdesign Studium in Freiburg
In der Zwischenzeit Überbrückungsjobs gemacht, eine Berufsvorbereitungsmaßnahme vom Arbeitsamt besucht und fleißig Bilder für ein Portfolio gezeichnet und gemalt. Dann ging es los. Nach Freiburg gefahren, total aufgeregt. Das durfte ich nicht verkacken. Es ging alles gut und ich wurde aufgenommen.
Studieren ohne Computer – erstmal
Das Grafikdesign Studium sollte acht Semester dauern, also vier Jahre. Die ersten vier Semester lernten wir alles von Grund auf – von Hand. Gezeichnet, gemalt, gestaltet. Kein Computer. Dann kam die Nachricht, dass die Schule mit einer anderen fusionieren sollte. Die Studierenden dort lernten bereits im ersten Semester an Computern. Also mussten uns im Eiltempo zumindest die Grundlagen beigebracht werden – und das an einem Mac. Ich war bis dato nur mit Windows in Berührung gekommen. Alles fühlte sich so falsch an.
Nach dem Umzug: Kurse, Kurse, Kurse
Nach dem Schulumzug gab es Kurse, in die man sich einschreiben musste – und man musste schnell sein, da die Plätze begrenzt waren. Logoentwicklung, Fotografie, 3D-Modellierung, Verpackungsdesign, analoge Spieleentwicklung, Typografie, Aktzeichnen – und vieles mehr, was mir nach so vielen Jahren schlicht nicht mehr einfällt. Das Studentenleben war toll, das Studium machte Spaß und die Freizeit kam trotzdem nicht zu kurz, da wir nicht viel büffeln mussten. Tests gab es kaum – nur eine Zwischen- und eine Abschlussarbeit.
Zwischenarbeit: Handschriftanalyse
Als Zwischenarbeit durfte man drei Themenvorschläge einreichen. Mein Favorit war, Freiburg aus der Sicht von Ratten darzustellen – die Dozenten sahen das anders. Also schnell ein neues Thema her: Handschriftanalyse. Ich schnappte mir zwei Bekannte – einen Musikstudenten und einen Grafiker für ein Erotikgeschäft – und ließ beide handschriftlich Texte schreiben. Anhand psychologischer Erkenntnisse über das, was eine Handschrift über eine Person aussagt, wertete ich alles aus und fasste es in einem kleinen Buch zusammen. Da das Thema nur eine Notlösung war, hielt sich mein Enthusiasmus in Grenzen.
Abschlussarbeit: Freiburg Night Lights
Viel spannender war die Abschlussarbeit. „Freiburg Night Lights“ zeigte das belebte Freiburg bei Nacht – in Stille und in ganz anderem Licht. 2010 war das Studium erfolgreich beendet.
Nach dem Studium: der steinige Weg in den Job
Wie fast alle wollte ich nach dem Studium in Freiburg bleiben. Keine Chance – zu viele Bewerber auf zu wenige Stellen. Deprimiert nahm ich erst einmal einen Aushilfsjob an. Dann (2010) lernte ich meinen Freund kennen, der aus Donaueschingen kam – ausgerechnet die Stadt aus meiner Schulzeit. Nach etwa einer Woche zog ich bei ihm ein.
Praktika, Absagen und ein freches Angebot
Ich schrieb alle möglichen Agenturen in der Gegend an. Ein paar Vorstellungsgespräche, aber viel kam dabei nicht rum. Ein halbjähriges Praktikum konnte ich ergattern – besser als nichts. Kurz vor Ablauf wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht übernommen werde – das hatte ich ohnehin nicht erwartet. Was mich dann aber wirklich überraschte: ein oder zwei Wochen vor meinem letzten Tag wurde mir vorgeschlagen, ich könne doch bleiben – zum Gehalt eines Praktikanten. Das lehnte ich selbstverständlich ab. Ich hatte nicht so viel Zeit, Geld und Mühe in ein Grafikdesign Studium gesteckt, um für einen Hungerlohn zu arbeiten.
Weiterbildungen und Selbstständigkeit
Vom Arbeitsamt wurde mir eine komplett bezahlte Weiterbildung vorgeschlagen. Da sagte ich natürlich nicht nein. Also hängte ich neben dem Grafikdesign Studium noch Webdesign und Webentwicklung dran – was mir für meinen jetzigen Job nur Vorteile brachte. Dann schlug mir eine Grafikerin vor, mich selbstständig zu machen und sie als Freelancerin zu unterstützen. Gefragt, getan. Ich war nun für mehrere Grafiker als Freelancerin tätig – vom Gehalt her allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Der Tag, der alles veränderte
Ich bewarb mich weiter bei Agenturen in der Gegend – mal als Teilzeitkraft, mal als Freelancerin. Dann kam das Vorstellungsgespräch bei meinem jetzigen Arbeitgeber. Ich wurde zuerst als Teilzeitkraft eingestellt, da ich meine Freelancer-Tätigkeit noch nicht ganz aufgeben wollte. Irgendwann wurden die Aufträge weniger und ich wechselte in Vollzeit.
Kleines Büro, große Entwicklung
Anfangs waren wir zu dritt – ein kleines Büro in der Villinger Innenstadt. Irgendwann brauchten wir jemanden für Website-Programmierung. Ich hatte zufällig einen arbeitssuchenden Freund zuhause und zack, wurde er auch mein Arbeitskollege. 2017 zog die Agentur um und wir wuchsen langsam über die Jahre.
Von der Grafikdesignerin zur Head of Content Operations
Ich startete als klassische Grafikdesignerin, wurde dann Content Managerin, zwischendurch mal stellvertretende Teamleiterin vom „Team Inhalt“ – und bin heute Head of Content Operations. Was das bedeutet? Ich befülle Websites mit Bildern und Texten, bearbeite und schneide Bilder für den Web-Einsatz zu, erstelle Animationen und Illustrationen für Websites, kümmere mich um SEO – so gut ich es kann, denn da ändert sich ständig was. Ich lege Sektionstypen auf einzelnen Webseiten fest, befülle Magazine, Kataloge, Broschüren und Flyer, passe Fahrzeugbeschriftungen an oder gestalte sie neu, entwickle gelegentlich Logos, texte für Websites und Printprodukte und stehe den Kolleginnen mit Rat und Tat zur Seite. Und das Wichtigste: ich genieße die Zeit mit meinem Team – inklusive des Blödsinns mancher Kolleg*innen, der den Arbeitsalltag deutlich erträglicher macht. Hauptwerkzeuge dabei: WordPress, Elementor, Adobe Photoshop, Illustrator, InDesign, After Effects uvm.
Ja, nun weißt du Bescheid. 😂

